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Renata öffnete leise die Tür zu Miras Zimmer und spähte auf das Kind, das friedlich auf dem Bett schlief. Einfach nur ein normales, kleines Mädchen in einem pinkfarbenen Schlafanzug, die weiche Wange an das dünne Kopfkissen gedrückt, ihr Atem kam rhythmisch schnaufend aus ihrem zarten Engelsmund. Auf dem rustikalen Tischchen neben dem Bett lag der kurze, schwarze Schleier, der Miras erstaunliche Augen ständig abschirmte, wenn sie wach war.
„Träum schön, Engelchen“, flüsterte Renata voller Hoffnung.
In letzter Zeit machte sie sich zunehmend Sorgen um Mira. Nicht nur wegen der Albträume, die sie seit dem Anschlag, den sie mitangesehen hatte, quälten, sondern es war Miras genereller Gesundheitszustand, der Renata beunruhigte. Obwohl das Mädchen stark war, ihr Verstand schnell und scharf, war sie nicht ganz gesund.
Mira verlor zunehmend ihr Augenlicht.
Jedes Mal, wenn man sie dazu brachte, ihre Sehergabe auszuüben, verlor sie etwas mehr von ihrer eigenen Sehkraft. Diese hatte schon seit Monaten stetig abgenommen, bevor Mira Renata eines nachts anvertraut hatte, was mit ihr geschah. Sie hatte Angst, wie jedes andere Kind, dem so etwas geschah. Vielleicht sogar noch mehr, weil Mira für ihre acht Jahre sehr verständig war. Sie begriff, dass sich ihr Wert für Sergej Jakut in nichts auflösen würde, in dem Moment, da der Vampir beschloss, dass sie für ihn nicht länger von Nutzen war. Er würde sie verstoßen, sie vielleicht sogar töten, wenn es ihm beliebte.
Also hatten Renata und Mira in jener Nacht einen Pakt geschlossen: Miras Zustand würde ihr gemeinsames Geheimnis sein - das sie, wenn nötig, sogar mit ins Grab nehmen würden. Renata war bei diesem Versprechen noch einen Schritt weitergegangen und hatte Mira geschworen, sie mit ihrem Leben zu beschützen. Sie hatte ihr geschworen, dass ihr nie etwas Böses zustoßen würde, nicht durch Jakut oder sonst jemanden, ob Mensch oder Vampir.
Renata würde Mira vor dem Schmerz und der Düsternis des Lebens beschützen, ihr eine Sicherheit schaffen, die sie selbst nie kennengelernt hatte.
Dass man das Mädchen eben aus dem Bett geholt hatte, um Sergej Jakuts ungebetenen Gast zu unterhalten, machte Renata nur noch gereizter. Die schlimmsten Nachwirkungen ihrer übersinnlichen Gabe waren vorüber, aber immer noch nagten unterschwellige Kopfschmerzen an ihr. Ihr Magen spielte immer noch verrückt, kleine Wellen des Schwindels leckten an ihr wie eine langsam verebbende Flut.
Renata schloss Miras Tür und zitterte unter einem erneuten Krampfanfall. Das lange Bad, von dem sie eben kam, hatte ihr Unbehagen etwas gelindert, aber unter ihrer weiten anthrazitgrauen Yogahose und dem weichen, weißen Baumwolloberteil prickelte ihre Haut noch immer, wund von der knisternden elektrischen Strömung, die unter ihr floss.
Renata rieb ihre Handflächen über die Ärmel ihres T-Shirts und versuchte, etwas von dem feurigen Brennen zu vertreiben, das ihr die Arme hinunterrann. Zu aufgekratzt zum Schlafen, ging sie in ihr Zimmer, nur so lange, um das kleine Bündel aus der Waffenkiste zu holen, in dem ihre Dolche waren. Training war immer ein willkommenes Ventil für ihre Rastlosigkeit. Sie genoss die Stunden der physischen Anstrengung, die sie über sich verhängte wie eine Strafe, froh über das strenge Trainingsprogramm, das sie völlig erschöpfte, abhärtete.
Seit der schrecklichen Nacht, in der sie so unerwartet in Sergej Jakuts gefährliche Welt gestoßen worden war, hatte Renata jeden Muskel ihres Körpers zu seiner Bestleistung gebracht, unermüdlich daran gearbeitet, um sicherzugehen, dass sie so schnell und tödlich war wie die Waffen, die sie nun in der Hülle aus Samt und Seide in den Händen hielt.
Überleben.
An diesem einfachen Leitgedanken hatte sie sich festgehalten, seit sie ein kleines Mädchen war - sogar noch jünger als Mira. Und so allein. Als Waise in der Kapelle eines Montrealer Klosters ausgesetzt, hatte Renata keine Vergangenheit, keine Familie, keine Zukunft. Sie existierte, das war alles.
Und Renata hatte das immer genügt, selbst jetzt noch.
Ganz besonders jetzt, da sie sich in der tückischen Unterwelt von Sergej Jakuts Reich zurechtfinden musste.
Hier war sie von Feinden umgeben, sowohl heimlichen als auch offenen. Unzählige Gelegenheiten für sie, einen falschen Schritt zu tun, etwas Falsches zu sagen. Endlose Gelegenheiten, um den skrupellosen Vampir zu verärgern, der ihr Leben in den Händen hielt, und schließlich einen schrecklichen, blutigen Tod zu sterben. Aber nicht, ohne ihm einen Kampf zu liefern.
Ihr Mantra seit frühester Kindheit diente ihr hier genauso gut: einfach nur den nächsten Tag überleben. Und dann noch einen und noch einen.
In dieser Gleichung war kein Platz für Schwäche. Keine Zugeständnisse an Mitleid, Scham oder Liebe. Besonders nicht Liebe, in keiner Form. Renata wusste, dass ihre Zuneigung zu Mira - der mütterliche Instinkt, es dem Kind einfach zu machen, es zu beschützen wie eine Angehörige - sie letztlich vermutlich teuer zu stehen kommen würde.
Sergej Jakut hatte nicht gezögert, diese Schwäche auszunutzen: Renatas Narben bewiesen das nur allzu deutlich.
Aber sie war stark. Ihr Schicksal hatte ihr nicht mehr aufgebürdet, als sie tragen konnte, körperlich oder sonst wie. Sie hatte alles überlebt. Sie war schnell und stark, und wenn es sein musste tödlich.
Renata trat aus dem Haus und schritt durch die Dunkelheit zu einem der Gebäude am hinteren Ende des Grundstücks. Der Jäger, der dieses Jagdhaus ursprünglich gebaut hatte, musste sehr an seinen Hunden gehangen haben. Ein alter Hundezwinger aus Holzplanken stand hinter dem Wohnhaus, wie ein Stall angelegt, mit einem weiten Hof in der Mitte und langen, abgezäunten Zwingerboxen an allen vier Seiten. Darüber erhob sich ein offener Dachstock in etwa viereinhalb Meter Höhe.
Obwohl der Raum nur klein war, war er offen und luftig.
Es gab noch einen größeren Schuppen neueren Datums auf dem Gelände, wo man mehr Bewegungsspielraum hatte, aber Renata mied ihn.
Das eine Mal an diesem dunklen, feuchten Ort hatte ihr völlig ausgereicht. Wenn es nach ihr ginge, würde sie das verdammte Ding zu Asche niederbrennen.
Renata drückte auf den Lichtschalter neben der Zwingertür und verzog das Gesicht, als die nackte Glühbirne den Raum mit grellem, gelbem Licht überflutete. Sie ging hinein, über den glatten, festgestampften Lehmboden, vorbei an den herabbaumelnden Enden von zwei langen geflochtenen Lederriemen, die um den mittleren Querträger der Dachkonstruktion geschlungen waren.
Am hinteren Ende des Zwingers stand ein hoher Holzpfosten, an dem früher viele kleine Eisenhaken und Schlingen befestigt waren, um Hundeleinen und andere Ausrüstung aufzuhängen. Renata hatte sie schon vor Monaten abgenommen, und nun fungierte der Pfosten als unbewegliche Zielscheibe, sein dunkles Holz war mit tiefen Einschnitten und Kerben übersät.
Renata legte ihre eingewickelten Klingen auf einen Strohballen, der in der Nähe lag. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen, tappte barfuß zum Mittelpunkt des Zwingers, streckte sich nach den langen Lederriemen und nahm einen in jede Hand. Sie schlang sich die Riemen ein paarmal um die Handgelenke und prüfte ihren Sitz. Als sie angenehm saßen, spannte sie die Arme an und erhob sich so geschmeidig vom Boden, als hätte sie Flügel.
In der Luft schwebend, von einem Gefühl der Schwerelosigkeit vorübergehend in eine andere Welt versetzt, begann Renata ihre Aufwärmübungen mit den Riemen. Das Leder knirschte leise, als sie ihren Körper hoch über dem Boden drehte und sein Gewicht verlagerte. Das war Frieden für sie, das Brennen ihrer Glieder, die mit jeder kontrollierten Bewegung stärker und beweglicher wurden.
Renata ließ sich in eine leichte Trance gleiten, die Augen geschlossen, all ihre Sinne nach innen gerichtet, und konzentrierte sich auf ihren Herzschlag und ihre Atmung, auf das fließende Zusammenspiel ihrer Muskeln, als sie sich von einer langen, anstrengenden Position zur nächsten streckte.
Als sie sich eben kopfüber geschwungen hatte, ihre Knöchel hielten sie sicher in den Schlaufen, spürte sie einen Luftzug. Er kam plötzlich und war fast unmerklich, aber unverkennbar.
So unverkennbar wie die Hitze eines Atemstoßes, der nun ihre Wange streifte.
Sie riss die Augen auf, konzentrierte sich mit Mühe auf ihre auf dem Kopf stehende Umgebung und auf den Eindringling, der unter ihr stand. Es war der Stammeskrieger - Nikolai.
„Scheiße!“, zischte sie, ihre Unaufmerksamkeit brachte sie in den Schlingen leicht zum Schwanken. „Was zum Teufel machst du hier?“
„Nur die Ruhe“, sagte Nikolai. Er hob die Hand, als hätte er vor, sie zu halten. „Hatte nicht vor, dich zu erschrecken.“
„Hast du nicht.“ Die Worte kamen kalt und ausdruckslos.
Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie sich hoch, aus seiner Reichweite. „Du störst mich beim Training.“
„Ach.“ Seine dunkelblonden Augenbrauen hoben sich, als sein Blick die Silhouette ihres Körpers entlangwanderte. Sie hing immer noch an den Knöcheln. „Wofür genau trainierst du da oben. Den Cirque du Soleil?“
Sie würdigte die spitze Bemerkung keines Kommentars.
Nicht dass er auf eine Antwort wartete. Er drehte sich um und entfernte sich von ihr, ging zu dem Pfosten am anderen Ende des Zwingers hinüber. Er streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingern die tieferen Kerben im Holz nach.
Dann fand er ihre Klingen und hob den Stoff, in den sie eingewickelt waren, an. Metall klirrte leise in dem gefalteten Viereck aus Seide und Samt, das mit einem Band zugebunden war.
„Pfoten weg“, sagte Renata, schlüpfte aus den Schlaufen und schwang die Füße auf den Boden. Sie stapfte zu ihm hinüber. „Pfoten weg, hab ich gesagt. Das sind meine.“
Er leistete keinen Widerstand, als sie ihm ihre wertvollen Besitztümer - die einzig wirklich wertvollen Dinge, die sie besaß - aus den Händen riss. Von der plötzlichen Gefühlsaufwallung drehte sich ihr wieder der Kopf, immer noch die Nachwirkungen ihrer übersinnlichen Waffe, die sie überwunden zu haben glaubte. Sie ging einen Schritt zurück. Musste sich anstrengen, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen.
„Bist du okay?“
Der besorgte Ausdruck in seinen blauen Augen gefiel ihr nicht. Als könnte er ihre Schwäche spüren. Als wüsste er, dass sie gar nicht so stark war, wie sie sein wollte - nach außen wirken musste.
„Alles bestens.“ Renata brachte die Klingen zu einem der Zwingerabteile und packte sie aus. Einen nach dem anderen legte sie die vier handgefertigten Dolche vor sich auf das hölzerne Sims. Sie zwang eine süffisante Leichtigkeit in ihre Stimme. „Eigentlich sollte ich dich das fragen, was? Schließlich hab ich dich vorhin in der Stadt k. o. geschlagen.“
Irgendwo hinter sich hörte sie sein tiefes Grunzen, fast ein wütendes Schnauben.
„Wir können bei Fremden nie vorsichtig genug sein“, sagte sie. „Besonders jetzt. Ich bin sicher, das verstehst du.“
Als sie schließlich zu ihm hinübersah, bemerkte sie, dass er sie anstarrte. „Schätzchen, der einzige Grund, warum du die Chance hattest, mich zu besiegen, war, weil du unfair gespielt hast. Sichergehen, dass ich dich bemerkt habe. So tun, als hättest du etwas zu verbergen. Und du hast gewusst, dass ich dir aus diesem Club folgen würde. Mitten in deinen kleinen Hinterhalt hinein.“
Renata hob ungerührt die Schultern. „In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.“
Auf seinem Gesicht breitete sich langsam ein Lächeln aus, in seinen schmalen Wangen bildeten sich leichte Grübchen. „Wir haben Krieg, ja?“
„Liebe jedenfalls nicht, darauf kannst du Gift nehmen.“
„Nein“, sagte er, jetzt ernst geworden. „Alles, bloß das nicht.“
Nun, immerhin waren sie sich über etwas einig.
„Wie lange arbeitest du schon für Jakut?“
Renata schüttelte den Kopf, als könnte sie sich kaum daran erinnern, obwohl sie sich an diese Nacht erinnerte, als hätte man sie in ihr Gedächtnis eingebrannt. Blutgetränkt.
Entsetzlich. Wo etwas für immer zu Ende gegangen war.
„Ich weiß nicht“, sagte sie leichthin. „Ein paar Jahre.
Warum?“
„Ich frage mich nur, wie eine Frau - selbst eine Stammesgefährtin mit deinen übersinnlichen Kräften - bei so einem Job landen kann, und dann noch für einen Gen Eins wie ihn. Es ist ungewöhnlich, das ist alles. Teufel noch mal, es ist einfach unerhört. Also, sag’s mir. Wie bist du an Sergej Jakut geraten?“
Renata starrte diesen Krieger an - diesen gefährlichen, gerissenen Fremden, der da so plötzlich in ihre Welt vordrang. Sie wusste nicht genau, was sie ihm sagen sollte.
Die Wahrheit auf keinen Fall. „Wenn du Fragen hast, solltest du ihn direkt fragen.“
„Klar“, sagte er und musterte sie nun eindeutig zu genau.
„Vielleicht werde ich das. Was ist mit der Kleinen - Mira? Ist sie schon so lange hier wie du?“
„Nicht so lange, nein. Erst seit sechs Monaten.“ Renata versuchte, beiläufig zu klingen, aber ein wilder Beschützerinstinkt erhob sich in ihr, als dieser Stammesvampir Miras Namen erwähnte. „Sie hat in dieser kurzen Zeit eine Menge durchgemacht. Dinge, die kein Kind mitansehen sollte.“
„Wie der Anschlag auf Jakut letzte Woche?“
Und andere, schlimmere Dinge, gab Renata innerlich zu.
„Mira hat inzwischen so gut wie jede Nacht Albträume. Sie schläft kaum mehr als ein paar Stunden am Stück.“
Er nickte ernst. „Das ist hier kein Ort für ein Kind, verdammt noch mal. Manche würden wohl sagen, auch nicht für eine Frau.“
„Siehst du das auch so, Krieger?“
Sein leises Lachen ließ nicht darauf schließen, ob er es so sah oder nicht.
Renata beobachtete ihn, und nun kamen ihr selbst Fragen in den Sinn. Besonders eine. „Was hast du heute Abend in Miras Augen gesehen?“
Er stieß ein leises Grunzen aus. „Glaub mir, das willst du nicht wissen.“
„Ich frage doch, oder nicht? Was hat sie dir gezeigt?“
„Vergiss es.“ Er sah ihr weiter in die Augen und fuhr sich mit der Hand durch die goldenen Haarsträhnen, dann stieß er einen deftigen Fluch aus und sah weg. „Wie auch immer, es hat ja nichts zu bedeuten. Die Kleine liegt hier definitiv falsch.“
„Mira irrt sich nie. Sie hat sich kein einziges Mal geirrt, in der ganzen Zeit, in der ich sie kenne.“
„Ach was?“ Wieder richtete er seine durchdringenden blauen Augen, die zugleich heiß und kalt waren, auf sie, als er einen langsamen, abschätzenden Blick über ihren ganzen Körper wandern ließ. „Alexej sagte mir, ihre Gabe hat Grenzen …“
„Lex“, meinte Renata verächtlich. „Tu dir selbst einen Gefallen und verlass dich auf nichts, was Lex dir erzählt. Er sagt und tut nichts ohne Hintergedanken.“
„Danke für den Tipp.“ Er lehnte sich zurück gegen den mit Kerben übersäten Pfosten. „Dann stimmt es also nicht, was er sagte - dass Miras Augen nur Ereignisse spiegeln, die in der Zukunft passieren könnten, ausgehend vom Jetzt?“
„Lex hat vielleicht seine persönlichen Gründe, sich zu wünschen, dass es nicht so wäre, aber Mira irrt sich nie.
Was auch immer sie dir heute Nacht gezeigt hat, es wird passieren. Es ist Schicksal.“
„Schicksal“, sagte er, und der Gedanke schien ihn zu belustigen. „Ach, Scheiße. Dann schätze ich, wir sind verdammt.“
Bei diesen Worten sah er sie eindringlich an, beinahe, als wollte er sie dazu bringen, ihn zu fragen, ob er sie absichtlich in diese Bemerkung einschloss. Und da ihn diese Vorstellung offenbar verdammt amüsierte, würde sie ihm nicht die Genugtuung geben, ihn um eine Erklärung zu bitten.
Renata hob eine ihrer Klingen auf und prüfte ihr Gewicht in der offenen Hand. Der kalte Stahl fühlte sich gut an auf ihrer Haut, fest und vertraut. Ihre Finger kribbelten vor Lust zu trainieren. Ihre Muskeln waren geschmeidig vom Aufwärmtraining und brannten darauf, durch eine oder zwei Stunden Training an ihre Grenzen gebracht zu werden.
Mit der Klinge in der Hand drehte sie sich um und zeigte auf den Pfosten, gegen den Nikolai sich lehnte. „Gehst du mal zur Seite? Ich würde ungern aus Versehen dich treffen.“
Er sah den Pfosten an und zuckte mit den Schultern.
„Hättest du’s nicht lieber interessanter und trainiertest mit einem echten Gegner - mit einem, der zurückschlagen kann? Oder vielleicht funktionierst du ja am besten, wenn du unfair im Vorteil bist.“
Sie wusste, dass er sie provozieren wollte, aber das Glitzern in seinen Augen war spielerisch, neckend. Flirtete er etwa mir ihr? Angesichts dieses lässigen Tonfalls stellten sich ihr vor Argwohn die Nackenhaare auf. Mit dem Daumen fuhr sie die Schneide der Klinge entlang und starrte ihn an, unsicher, was von ihm zu halten war. „Ich arbeite lieber allein.“
„Okay.“ Er neigte den Kopf, ging aber nur unmerklich zur Seite. Sah sie herausfordernd an. „Wie du möchtest.“
Renata runzelte die Stirn. „Wenn du nicht zur Seite gehst, wie kannst du dir dann so sicher sein, dass ich nicht auf dich ziele?“
Er grinste übermütig, seine mächtigen Arme vor der Brust verschränkt. „Ziel doch. Du triffst mich nie.“
Ohne jede Warnung ließ sie ihre Klinge fliegen.
Scharfer Stahl fraß sich mit einem lauten Knacken in den hölzernen Pfosten, genau dort, wohin sie gezielt hatte. Aber Nikolai war fort. Einfach so, vollkommen aus ihrem Blickfeld verschwunden.
Scheiße.
Er war ein Stammesvampir, viel schneller als jeder Mensch und so flink wie ein Raubtier. Mit Waffen oder in puncto Körperkraft war sie ihm nicht gewachsen, das wusste sie schon, bevor sie den Dolch geworfen hatte. Aber sie hatte doch gehofft, den großspurigen Mistkerl wenigstens zu streifen, dafür dass er sie provoziert hatte.
Mit ihren durch langes Training zu höchster Präzision geschliffenen Reflexen riss Renata den Arm hoch und griff nach einer weiteren ihrer wartenden Klingen. Aber als ihre Finger sich eben um den Griff schlossen, spürte sie, wie sich die Luft hinter ihr regte und Hitze durch ihr kinnlanges Haar wehte.
Rasiermesserscharfes Metall drückte von unten gegen ihr Kinn. Eine Wand aus harten Muskeln drängte sich gegen ihre Wirbelsäule.
„Du hast mich verfehlt.“
Sie schluckte vorsichtig, um den leichten Druck der Klinge unter ihrem Kinn nicht noch zu verstärken. So unmerklich, wie sie konnte, entspannte sie die Arme an ihren Seiten. Dann fuhr sie mit der Hand, die den Dolch hielt, nach hinten und drückte ihn vielsagend zwischen seine gespreizten Schenkel. „Von wegen. Volltreffer.“
Einfach nur, weil sie es konnte, versetzte Renata ihm einen kleinen mentalen Schlag.
„Scheiße“, knurrte er, und in dem Moment, da sein Griff sich lockerte, schlüpfte sie aus seiner Reichweite und wirbelte herum, um ihn anzusehen. Sie hatte damit gerechnet, dass er wütend war, und fürchtete sich auch ein wenig davor, aber er hob nur den Kopf und zuckte leicht mit den Schultern. „Keine Sorge, Schätzchen. Ich werde einfach so lange mit dir weiterspielen, bis es auf dich zurückprallt und dich umwirft.“
Als sie ihn anstarrte, verwirrt und erschrocken, wie er von der Schwachstelle ihrer Gabe wissen konnte, sagte er: „Lex hat mich über ein paar Sachen aufgeklärt. Er hat mir gesagt, was mit dir passiert, wenn du eine dieser übersinnlichen Raketen abfeuerst. Mit solchen Kräften ist nicht zu spaßen. Wenn ich du wäre, würde ich nicht so wahllos damit um mich werfen, nur um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.“
„Fick dich, Lex“, murmelte Renata. „Und dich auch. Ich brauche deinen Rat nicht, und ich kann es verdammt noch mal nicht ab, wenn ihr hinter meinem Rücken Scheiße über mich redet. Dieses Gespräch ist vorbei.“
Jetzt war sie wirklich wütend. Sie riss den Arm hoch und ließ den Dolch in seine Richtung fliegen, obwohl sie wusste, dass er ihm einfach ausweichen konnte, genau wie vorhin.
Nur dass er sich dieses Mal nicht bewegte. Blitzschnell schoss seine freie Hand hoch und fing die Klinge im Flug auf.
Sein selbstgefälliges Grinsen brachte sie nun vollends in Rage.
Renata riss den letzten Dolch vom Sims des Hundezwingers und warf ihn. Wie zuvor fingen die geschickten Finger des Stammeskriegers ihn im Flug auf.
Er beobachtete sie unverwandt, mit einer Art von männlichem Feuer, das sie eigentlich hätte kaltlassen sollen, es aber nicht tat. „Also, was machen wir jetzt, um hier ein bisschen Spaß zu haben, Renata?“
Wütend starrte sie ihn an. „Amüsier dich alleine. Ich bin hier fertig.“
Sie drehte sich um und wollte aus dem Zwinger stapfen.
Kaum war sie zwei Schritte weit gekommen, als sie auf beiden Seiten ihres Kopfes ein Sausen hörte - so nahe, dass es ihr einige lose Haarsträhnen ins Gesicht blies.
Dann flog vor ihr ein Wirbel von poliertem Stahl auf die gegenüberliegende Wand zu.
Wumm. Wumm.
Die beiden Dolche, die an ihrem Kopf vorbei auf ihr Ziel zugeschossen waren, steckten nun fast bis zum Heft im alten Holz.
Renata fuhr wutentbrannt herum. „Du Arschlo …“
Er stand genau vor ihr, sein massiver Körper zwang sie zurückzuweichen, und in seinen blauen Augen blitzte etwas Tieferes als Belustigung oder Machogehabe. Renata wich einen Schritt zurück, nur so weit, dass sie ihr Gewicht auf einen Absatz verlagern konnte. Sie schaukelte zurück und wirbelte herum, ihr anderes Bein zu einem Roundhouse-Kick erhoben.
Finger so unnachgiebig wie eiserne Fesseln schlossen sich um ihren Knöchel und drehten ihn.
Renata stürzte auf den Zwingerboden, flach auf den Rücken. Er folgte ihr dorthin breitete sich über ihr aus und fing sie unter sich, während sie gegen ihn ankämpfte, mit den Fäusten hämmerte und mit den Beinen strampelte. Er brauchte nur eine Minute, um sie zu bändigen.
Renata keuchte vor Anstrengung, ihr Brustkorb hob und senkte sich wild, ihr Puls raste. „Und wer ist jetzt derjenige, der sich was beweisen muss, Krieger? Du hast gewonnen.
Zufrieden?"
Er starrte schweigend auf sie hinunter, und seltsam, er zeigte weder Triumph noch Wut.
Sein Blick war ruhig und unverwandt, eine Spur zu persönlich. Sie konnte sein Herz spüren, das gegen ihr Brustbein hämmerte. Er lag rittlings über ihren Schenkeln und hielt ihre Hände in einer seiner Hände hinter ihrem Kopf gefangen. Er hielt sie fest, seine Finger umfingen ihre geballten Fäuste mit einem lockeren, unglaublich warmen Griff. Sein Blick wanderte hinauf zu ihren Händen, die sich berührten, und feurige Lichtfunken zuckten in seinen Iriskreisen auf, als er auf der Innenseite ihres rechten Handgelenks das, kleine purpurrote Muttermal entdeckte - die Träne, die in die Wiege einer Mondsichel fiel. Sein Daumen streichelte darüber, eine hypnotisierende Liebkosung, die Hitze durch ihre Adern schickte.
„Willst du immer noch wissen, was ich in Miras Augen gesehen habe?"
Renata ignorierte die Frage, das war das Letzte, was sie gerade hören wollte. Sie kämpfte hart unter dem schweren muskulösen Männerkörper, aber es kostete ihn verdammt wenig Mühe, sie unten zu halten. Mistkerl. „Runter von mir."
„Frag mich noch mal, Renata. Was habe ich gesehen?"
„Ich hab gesagt, runter von mir", fauchte sie und fühlte Panik in ihrer Brust aufsteigen. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen, denn sie wusste, jetzt musste sie einen kühlen Kopf bewahren. Die Situation unter Kontrolle bekommen, und zwar schnell. Das Letzte, was sie brauchte, war, dass Sergej Jakut herauskam und sie hilflos festgenagelt unter diesem anderen Mann fand. „Lass mich aufstehen."
„Wovor hast du Angst?"
„Vor nichts, verdammt noch mal!"
Sie beging den Fehler, zu ihm aufzusehen. Bernsteinfarbene Hitze funkelte im Blau seiner Augen, Feuer, das Eis verzehrte. Seine Pupillen verengten sich schnell, seine Lippen verzogen sich und sie sah, wie sich die scharfen Spitzen seiner Fangzähne ausfuhren.
Wenn er jetzt wütend war, war das nur zum Teil der Grund für seine körperliche Transformation; wo sein Becken schwer auf ihres drückte, fühlte sie die unverkennbare harte Wölbung seines Schwanzes, der sich hartnäckig zwischen ihre Beine presste.
Sie änderte ihre Position, versuchte, diesem heißen, sinnlichen Aneinanderreiben ihrer Körper zu entkommen, aber er presste sich nur umso stärker gegen sie. Schlagartig verfiel Renatas rasender Puls in ein noch eiligeres Tempo, und in ihrer Leibesmitte breitete sich eine ungewollte Wärme aus.
Oh Gott. Auch das noch.
„Bitte", stöhnte sie und hasste sich dafür, dass ihre Stimme zitterte. Und ihn hasste sie auch. Sie wollte die Augen schließen, sich dem sengenden, hungrigen Blick verweigern, ebenso seinem Mund, der ihrem eigenen so nahe war. Sie wollte sich weigern, all das Verbotene zu spüren, das er in ihr auslöste - die Gefahr dieses unerwarteten, tödlichen Begehrens. Aber ihre Augen blieben unverwandt auf seinen, unfähig, wegzusehen, die Reaktion ihres Körpers auf ihn war stärker als selbst ihr eiserner Wille.
„Frag mich, was mir das Kind heute Nacht in seinen Augen gezeigt hat", verlangte er, seine Stimme ein tiefes Schnurren. Seine Lippen waren ihren so nah, die weiche Haut streifte ihren Mund, als er sprach. „Frag mich, Renata.
Oder vielleicht willst du es lieber selbst sehen."
Der Kuss fuhr durch ihr Blut wie Feuer.
Lippen, heiß aufeinandergepresst, warme, hastige Atemzüge mischten sich. Seine Zunge fuhr den Rand ihres Mundes nach, schob sich in ihr wortloses, lustvolles Aufkeuchen hinein. Sie spürte, wie seine Finger ihre Wange streichelten, an ihrer Schläfe in ihr Haar glitten, dann um ihren Kopf zu ihrem empfindlichen Nacken.
Er hob sie zu sich, tiefer in seinen Kuss, der sie zum Schmelzen brachte, der all ihre Widerstände niederriss.
Nein.
Oh Gott. Nur das nicht.
Ich darf das nicht. Darf das nicht fühlen.
Renata drehte den Kopf zur Seite, entriss sich der sinnlichen Folter seines Mundes. Sie zitterte heftig, ihre Gefühle waren gefährlich in Aufruhr. Sie riskierte so viel hier mit ihm. Zu viel.
Heilige Muttergottes, sie musste diese Flamme löschen, die er in ihr entfacht hatte. Er hatte sie innerlich zum Schmelzen gebracht und damit in Lebensgefahr. Sie musste diese Flamme ersticken.
Warme Finger fassten sie am Kinn, führten ihren Blick zurück zu dem, der sie in solche Nöte gebracht hatte. „Bist du in Ordnung?"
Sie zog ihre Hände aus dem lockeren Griff seiner Faust hinter ihrem Kopf und versetzte ihm einen Stoß, unfähig zu sprechen.
Sofort gab er sie frei. Er nahm ihre Hand und half ihr auf die Füße, Hilfe die sie nicht wollte, aber sie war zu angeschlagen, um sie zurückzuweisen. Sie stand da, schaffte es nicht, ihn anzusehen, und versuchte sich zu sammeln.
Sie betete inständig, dass sie nicht gerade ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hatte.
„Renata?"
Als sie schließlich ihre Stimme wiederfand, klangen ihre Worte ruhig und kalt vor Verzweiflung. „Komm mir noch einmal zu nahe", sagte sie, „und ich schwöre, ich bring dich um."